Herbst-Konjunkturumfrage: „Die Standort-Schwäche ist nicht geheilt“

„Die Lage ist nach wie vor sehr kritisch, die Standort-Schwäche ist nicht geheilt“, resümiert der NORDMETALL-Vizepräsident für Mecklenburg-Vorpommern Robert Dreves die Ergebnisse der Herbst-Konjunkturumfrage 2025 der norddeutschen Arbeitgeberverbände. „Wir gehen ins vierte Rezessionsjahr, und die Hoffnung auf ein Ende der Krise ist sehr schwach, nicht nur wegen der volatilen internationalen Situation, sondern auch wegen der unverändert schlechten nationalen Rahmenbedingungen.“
Eine Verbesserung der Geschäftslage im kommenden halben Jahr erwarten nur 17 Prozent der norddeutschen Unternehmen (Frühjahr: 21 Prozent), 60 Prozent rechnen mit gleicher Geschäftslage, 23 Prozent mit einer Verschlechterung. In Schleswig-Holstein rechnen sogar 28 Prozent mit einer negativen Entwicklung, in Hamburg 21 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern nur 14 Prozent. 40 Prozent der Firmen in Norddeutschland leiden unter Auftragsmangel, der höchste Wert seit der Corona-Krise Anfang 2021. In der Branchenbetrachtung liegen der Straßenfahrzeugbau sowie Metallerzeuger und die Gießereien (jeweils 80 Prozent) mit zu geringen Aufträgen an der Spitze, gefolgt vom Maschinenbau (52 Prozent). Nur der Schiffbau bewertet die Auftragslage zu 44 Prozent als „relativ hoch“ und zu 56 Prozent als „ausreichend“.
141 Mitgliedsbetriebe mit rund 84.000 Beschäftigten haben sich bis zum Oktober an der Umfrage von NORDMETALL, AGV NORD und den Arbeitgeberverbänden in Bremen, Oldenburg sowie Ostfriesland beteiligt. Jeder dritte Betrieb beurteilt die Geschäftslage als schlecht oder unbefriedigend. Der Anteil der Zufriedeneren ist gegenüber dem vergangenen Frühjahr sogar noch einmal um ein Prozent gesunken. Nur im Schiffbau sowie Luft- und Raumfahrzeugbau bewerten die Firmen die Lage durchweg mit „gut“ oder „befriedigend“. Jedoch beklagen vier von fünf Betrieben im Straßenfahrzeugbau und unter den Metallerzeugern sowie Gießereien eine „unbefriedigende“ oder „schlechte“ Geschäftslage, im Maschinenbau sind es mit 47 Prozent fast die Hälfte. Am pessimistischsten sehen die Unternehmen im nordwestlichen Niedersachsen die Situation (63 Prozent „schlecht“ oder „unbefriedigend“). Am optimistischsten urteilen die Mecklenburg-Vorpommerschen Betriebe (90 Prozent „gut“ oder „befriedigend“). 37 Prozent der Betriebe ist es nicht mehr gelungen, Kostensteigerungen mit Preiserhöhungen aufzufangen. Das sind elf Prozent mehr als im Frühjahr. Vier von fünf Metallerzeugern und Gießereien, sechs von zehn Straßenfahrzeugbauern, aber auch 57 Prozent der Firmen im Luft- und Raumfahrzeugbau beklagen den nicht auszugleichenden Kostendruck.
Den Personalbestand verringern wollen in den kommenden drei Monaten 28 Prozent der Unternehmen, im Frühjahr waren es nur 17 Prozent (Mecklenburg-Vorpommern: 19 Prozent). 51 Prozent wollen die Zahl ihrer Beschäftigten nicht verändern, 21 Prozent erhöhen. Auch hier planen sechs von zehn Betrieben des Straßenfahrzeugbaus sowie der Metallerzeuger und Gießereien Personalabbau, ebenso ein gutes Drittel der Maschinenbauer. Dagegen will jeder zweite Luft- und Raumfahrzeugbauer Einstellungen vornehmen. Insgesamt ergibt sich in der norddeutschen Industrie praktisch kein Einstellungsbedarf mehr.
Eine schlechte oder unbefriedigende Verfügbarkeit von Fachkräften melden immer noch 51 Prozent der Unternehmen, sieben Prozent weniger als im Frühjahr. In Mecklenburg-Vorpommern wird der Fachkräftemangel von 65 Prozent der Firmen beklagt, in Schleswig-Holstein nur von 42 Prozent. Bei den Auszubildenden sehen immerhin 49 Prozent der norddeutschen Betriebe eine gute oder zufriedenstellende Verfügbarkeit von geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 58 Prozent.
Die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland hat sich nach dem Urteil von 52 Prozent der norddeutschen Industrieunternehmen in den vergangenen sechs Monaten verschlechtert (Frühjahr: 49 Prozent). Jeder vierte Betrieb plant jetzt Produktionsverlagerungen ins Ausland, ein Allzeit-Höchstwert (Frühjahr: 21 Prozent) seit dem Jahr 2008. Rund zwei Drittel der Maschinenbauer sowie Luft- oder Raumfahrzeugbauer planen dies. Als besonders erschwerende Wirtschaftsfaktoren werden mit 83 Prozent die Arbeitskosten gewertet, gefolgt von der Bürokratie in Deutschland (66 Prozent), den Energiekosten (60 Prozent) und der internationalen Politik (59 Prozent).
NORDMETALL-Vizepräsident Robert Dreves, der auch Geschäftsführer bei EEW Special Pipe Constructions in Rostock ist, konstatiert: „Die Lage der norddeutschen und der Hamburger Industrie ist weiterhin schlecht. Insbesondere unter Metallerzeugern und Gießereien, aber auch im Maschinenbau stellt sich immer öfter die Existenz- und Standortfrage. Aber selbst die Werften und Luft- sowie Raumfahrzeugbauer mit vollen Auftragsbüchern können dem Kostendruck und den schlechten Rahmenbedingungen kaum noch Stand halten: Noch nie planten so viele Betriebe der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie Produktionsverlagerungen ins Ausland wie heute. Die wichtigsten Stellschrauben hat die Politik selbst in der Hand: Wenn die Bundesregierung nicht rasch für massiven Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen, niedrigere Arbeitskosten durch eine Reform der Sozialversicherungen, niedrigere Energiepreise und eine wirksame Fachkräftepolitik sorgt, wird das die Abwanderung vieler Produktionsstätten ins Ausland weiter befördern. Das wollen wir M+E-Arbeitgeber im Norden verhindern. Deshalb appelliere ich an die Bundesregierung: Handeln Sie schnell, um den Industriestandort zu schützen.“
Hier finden Sie die Präsentationsfolien der Herbst-Konjunkturumfrage.